Upcycling in der Kunstszene

Vor etwa einem Monat enthüllte der im letzten Jahr verstorbene Künstler „Christo“ sein letztes Werk. Der „Arc de Triomphe“ in Paris wurde mit 25.000 Quadratmetern recycelbarem Polypropylen-Gewebe in silberblau und 3.000 Metern Seil umwickelt.

Seitdem schwirrt der Hashtag #UpWrapping auf Instagram herum. Verschiedenste Upcycling-Labels wollen damit auf sich aufmerksam machen, um den 25.000 Quadratmetern Stoff nach der Kunstinstallation ein zweites Leben zu geben.

Doch was genau steckt hinter der Forderung?

Zunächst einmal zu Christo als Person. Christo und seine Frau Jeanne-Claude waren ein Künstlerehepaar, das ab den 1960er Jahren vor allem mit gemeinsam realisierten spektakulären Verhüllungsprojekten bekannt wurde. Ein sehr berühmtes Projekt war unter anderem 1995 die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes. Am „Arc de Triomphe“ plante das Ehepaar bereits seit 1962. Die Umsetzung konnten sie nun leider beide nicht mehr miterleben. Jeanne-Claude verstarb bereits im Jahr 2006 und ihr Mann Christo knapp ein Jahr vor Ausstellungsbeginn. Christo betonte stets die zentrale Rolle von Kleidung und Stoff in ihrer Kunst. Er umschrieb Stoff wie eine zweite Haut, ein Material das zerbrechlich, verletzlich und gleichzeitig dynamisch ist. Er betonte - anders als bei Holz oder Stahl bewegt sich Stoff und ist handhabbar für unsere Finger.

Seit seiner ersten Verhüllung ließ das Ehepaar die Stoffreste nach Installationsende recyceln. Dabei achteten sie von Beginn an darauf, mit einem recycelbaren Stoff zu arbeiten. Dass die Stoffüberreste nicht in den Müll wandern, ist bei der Menge an Stoff und der Kürze der Ausstellungszeit ökologisch sinnvoll und angebracht. Das Vernichten seiner Kunst hat für Christo allerdings noch einen anderen Grund: die Vergänglichkeit seiner Kunst ist für ihn ein Ausdruck von Freiheit. Dass seine Kunst wieder verschwindet, so wie sie gekommen ist, ist Teil des ästhetischen Konzepts. Aus diesem Grund ist es klar, dass es nicht zur Debatte steht, die 25.000 Quadratmeter Stoff des „Arc de Triomphe“ wiederzuverwerten.

Über fünfzig Upcycling Labels fühlen sich jedoch genau von diesem Ansatz herausgefordert. Unter dem Hashtag #UpWrapping fordern sie die Textilindustrie auf, sich zu ändern, indem sie lokaler, zirkulärer und menschlicher wird. Konkret macht das dahinterstehende Kollektiv ein Angebot zur Wiederverwertung der verwendeten Textilien: Zum einen „Solidarische Tragetaschen, die nach dem Waschen der Leinwand von bedürftigen Menschen verwendet werden können, um Kleidung oder Lebensmittelspenden mitzunehmen,“ zum anderen „Möbel für die Olympischen Spiele 2024: die 3 Kilometer roten Seile entlang der Handläufe und das recycelte Polypropylen, das die Leitplanken bedeckt, um den Besuchern den Weg zu weisen.“

Das zuständige Team hinter Christos Werk hat sich bis jetzt nicht zu diesen Forderungen geäußert. Der Gedanke bleibt trotzdem spannend. Was können wir aus vergangener Kunst machen und wie lässt sie sich von Beginn an nachhaltig gestalten?

Der US-amerikanische Künstler John Chamberlain (1927-2011), der als Wegbereiter der Pop Art gilt, geht hier mit gutem Beispiel voran. Seine Skulpturen bestehen aus upgecycelten Autoresten – bereits 1957 hatte er die Idee dazu, Autoschrottteile für seine Metallskulpturen zu verwenden. Damit wurde er einer der weltberühmtesten Künstler für die Nutzung von recycelten Materialien schlechthin. Heute kann man Chamberlains Werke in allen namhaften Museen rund um den Globus bewundern.

Upcycling ist also längst nicht mehr nur ein Thema in der Mode, sondern in allen Kategorien unseres Lebens - so auch in der Kunst - angekommen.